Alice

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Alice, Telefonanbieter

Alice, mein Schatz,

es fällt mir sehr schwer, aber ich muss dir leider mitteilen, dass Schluss ist. Bitte sei nicht zu traurig, aber wir haben uns auseinandergelebt. Ich weiß, ich bin seinerzeit gerne zu dir in deinen Schoß gekrochen, wundgescheuert von der ignoranten Arroganz meiner Ex, diesem trägen fetten rosa Monster, und auch der anderen Ex, dieser fiesen aalglatten gesichtslosen Engländerin, die sich seinerzeit so aggressiv ins Röhrengewerbe und damit bei mir eingekauft hat und mit der man nicht ein Wort vernünftig reden konnte.

Was hab ich mich gefreut, als du mir zu Beginn offeriertest, dass ich mich, wenn ich mich in deinen Arme begebe, jederzeit ohne Trennungsjahr von dir scheiden lassen könne. Und was hab ich mich anfangs noch über deine Schnelligkeit gefreut, die damals alle anderen in den Schatten gestellt hat.

Und jetzt? Du bist alt geworden. Träge. Satt. Müde. Und langsam, sehr langsam. So langsam sogar, dass ich mich in Zeiten zurückversetzt fühle, in denen neben dem verdreckten, von Kippen, Cola, Pizza und Chips verklebten Computertisch ein cornflakesschachtelgroßes Modem auf dem Bierkasten in der Ecke vor sich hin fiepte und schwarz-weiße Ascii-Texte in Zeitlupe übertrug.

Alice, Mäuschen, du fährst seit Monaten genau auf dieser Nostalgieschiene, lässt mich inzwischen nur noch selten Videos auf YouTube kucken, jede poplige Mediathek machst du mir madig und jeder größere Upload, den ich machen will, zieht absoluten Stillstand für Stunden nach sich.

Wie vor 20 Jahren.

16000 erfüllte Wünsche hast du mir versprochen, als Gegenleistung für mein gutes Geld, mit dem ich dich aushalte. Erfüllt hast du davon in diesem Jahr nur einen Bruchteil. Und bevor du wieder abwiegelst: Ich hab alles immer wieder gemessen und es war ernüchternd.

Weißt du, es hat am Schluss auch nichts mehr gebracht und mich eigentlich nur noch mehr von dir entfremdet, dass du so stur all die ganzen Probleme von dir weggeschoben hast als ginge dich das alles nichts an. „Wir haben keine Probleme“ hast du immer gesagt, alles sei in Ordnung, ich solle mich doch nicht so anstellen, dabei habe ich doch jeden Tag gemerkt, was hier im Argen lag. Statt dich unseren Problemen zu stellen und sie zu lösen, hast du immer wieder versucht, mir allen möglichen Tand zu verkaufen, den du irgendwo aufgesammelt hast, zum Beispiel eine Virensoftware, die ich nicht brauche weil ich wie jeder vernünftige Mensch seit 20 Jahren eine habe. Wie kommst du nur auf so etwas Absurdes?

Immer nur Scheingefechte, Nebelkerzen – rien ne va plus – so geht man doch nicht miteinander um.

Und komm mir nicht mit all den Jahren, die uns schon aneinander binden, das hat dich in all der Zeit nie interessiert. Ich glaube dir einfach nicht.

Auf Wiedersehen, Alice, ich komme auf dein Angebot zurück, mich jederzeit unkompliziert von dir scheiden zu lassen und gehe zurück zu meiner fetten rosa Ex, die im Gegensatz zu dir mittlerweile so schnell ist, dass sie ihr üppiges Dekolleté mit einem V kennzeichnen muss. Das mit dem V hast du bei mir nie geschafft und willst es laut eigener Aussage auch gar nicht.

Nein, du hast dich immer nur eingerichtet, es dir einfach nur gemütlich gemacht, der Alte zahlt ja und soll gefälligst damit zufrieden sein, was er dafür bekommt. Du hast den gleichen Fehler gemacht wie viele, die meinen, wenn sie erst einmal einen eingefangen haben müssen sie sich nicht mehr groß bemühen und können es einfach so laufen lassen – es ist DER Elementarfehler aller gescheiterten Beziehungen.

Exemplarisch wird das daran deutlich, dass du dich jedem, den du neu kennenlernst, billiger an den Hals wirfst hast als mir, der dir seit Jahren treu zur Seite steht. Alice, sieh doch, ich kriege bei jeder Hafennutte nach so vielen Jahren mehr Stammkundenrabatt als bei dir.

Du hast gedacht, ich sei zufrieden? Man hat mir nichts angemerkt? Wie bitte was? Wie oft haben wir nochmal telefoniert? Zufrieden? War ich nicht, bin ich nicht, bin nämlich nicht zufrieden mit dem Status Quo vor zehn Jahren und das weißt du auch, ich will noch was erleben und wenn es auch nur ruckelfreie Videos ohne Aussetzer aus der ZDF-Mediathek sind. Ich weiß es tut weh, aber für meine fette rosa Ex ist sowas wie Geschwindigkeit kein Problem, sie weiß nämlich was ich brauche.

Auf Wiedersehen, Alice, ich denke du wolltest immer mehr Freier für immer weniger Dollars und irgendwann einfach zuviel und weißt nun nicht, wie du damit umgehen sollst. Wir können ja Freunde bleiben. Meld dich, wenn es bei dir wieder etwas ruhiger zugeht und du mir das geben kannst was ich brauche.

Ach ja, und meine rosa Ex kommt in den nächsten Tagen und holt meine Klamotten ab. Maat et jut.

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