DM

img_20190112_1018435920942477237525644.jpg

DM, Drogeriemarkt, Prenzlauer Berg

Lieber dm,

ich habe dich wirklich immer gerne besucht. Man hörte, du behandelt deine Mitarbeiter gut, schaffst Ausbildungsplätze, investiert in die Jugend, hast allgemein ein duftes Arbeitsklima und der flockige Chef vom Ganzen propagiert dauernd in der Tagespresse altruistische Motive im Haifischbecken des Drogeriemarkts.
Zu gern beruhigte ich mein chronisch schlechtes Gewissen, in dem ich manch anderen, auf dem knallharten Drogeriemarkt herumdumpenden, Ausbeuter vorsätzlich ignorierte und dein treuer Kunde wurde.
Auch preislich warst du immer relativ weit vorne, wenn du es auch nie schaffst, die Preise der Ausbeuter zu unterbieten, aber das musst du auch gar nicht. Ich mochte dich auch so.
Ich freute mich einen Kullerkeks über freundliche Angestellte, denen nicht die Pein im Anblick der von der Decke baumelnden Knute ins Gesicht getackert ist, beängstigt von der dollen Aussicht, den kargen Monatslohn der Scheinselbständigkeit im angrenzenden Jobcenter auf das Existenzminimum aufstocken zu müssen, damit die Kinder auch am Monatsende mehr als einen Kanten Brot zu knabbern haben.

Nein, dm, deinen Angestellten geht es, zumindest wenn man den Medienberichten glauben darf, für die Branche verhältnismäßig gut und sowas färbt launemäßig immer gerne auf mich ab, weil dann freu ich mich.

Aber es geht nun nicht mehr, ich muss woanders hingehen.

Warum?

Weil du mich nervst.

Mit was?

Mit deiner ständigen Fragerei nach meiner Payback-Karte, die es nicht gibt, nie gab und die es auch nie geben wird.

Warum ich keine will?

Weil es niemanden etwas angeht, auch dich menschenfreundliche nächstenliebende Drogerie nicht, was ich wann wo kaufe, was dann irgendwann in irgendwelchen Datenbanken skurriler grau angelaufener Datensammler landet und in der Folge irgendwann wahrscheinlich mit meinem Krankheitsbild, meiner Steuererklärung, meiner Schufa-Sündenliste und anderen Daten wie Schuhgröße, Penislänge und Eiergröße gekoppelt wird, woraus dann jeder paranoide Innenminister eine Schlussfolgerung hinsichtlich meiner Verfassungstreue ziehen kann.

Wie? Warum mich die Fragerei überhaupt nervt? Ich könne doch einfach nein sagen? Natürlich kann ich das, will ich aber nicht. Ich will nicht jede Woche zwei- bis dreimal die gleiche Frage beantworten, weil ich mir dann vorkomme wie ein dümmlicher bunter Papagei auf seiner Stange, der dem gaffenden Publikum mehrmals die Woche „Polly will Cracker!“ entgegenkrähen muss. Es macht keinen Spaß, es raubt Geist und kostet Gehirnzellen.

Und überhaupt nervt es auch deine Angestellten; man sieht die Scham, jede Minute wieder einem neuen paybacklosen Kunden derbe auf die Nüsse gehen zu müssen, einem geradezu ins Gesicht springen mit einem Ausdruck in den Augen, der einem zuruft „Es tut mir leid, ich muss das tun, ich machs nicht gerne, aber ich muss doch“, es ist eine Lose-Lose-Situation, die Kette verliert einen Kunden und macht einen Angestellten unglücklich.

Und so muss ich dir leider mitteilen, dass Schluß ist, es geht nicht mehr, es tut mir sehr leid. Bitte halt mich nicht auf, ich hab auch nen Neuen, er heisst Rossmann. Der ist auch ganz doll lieb zur Welt und interessiert sich überhaupt nicht für irgendwelche Karten.

Farewell, lass uns Freunde bleiben.