Currywelle

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Currywelle, Imbiss, Alt-Treptow

Bisher hielt ich Alt-Treptow für die unangefochtene berliner Nummer Eins für schlechtes Essen, heute kommt die Trophäe für schlechte Lokalnamen hinzu.

Ich stehe vor der Currywelle und denke spontan: „Was auf -welle endet kann nicht gut sein.“

Von außen betrachtet ergibt sich der erste Eindruck einer etwas in die Jahre gekommenen Trinkhalle, an den Tischen draußen tagen die desillusionierten Trinker der unmittelbaren Umgebung – es sieht so aus als seien sie, noch verkatert vom gestrigen Gelage – direkt vom Bett wieder in die Trinkhalle gewankt oder bereits hier an den Tischen aufgewacht, wo dann der Kater erstmal zielgerichtet weggetrunken wird.

Drinnen steht die alleinerziehende Mutter nebst noch nicht schulpflichtigem Anhang mit einem Pils am Daddelautomaten und versucht, die Stütze gewinnbringend anzulegen, was allerdings misslingt. Ein zarter Hauch von abgestandenem Rauch, abgestandenem Korn und abgestandenen Träumen liegt in der Luft.

Das Holz der Tische aus Eiche-rustikal-Imitat hat ganz offensichtlich den Schweiß mehrerer Trinkergenerationen – wie es mir dünkt bis zurück zur Reichsgründung – aufgesogen, die gelbstichigen Fenster erzählen Geschichten aus mindestens 1001 durchzechten Nächten, Dramen und Exzessen. Es herrscht ein zart-schmieriger abgewohnter Gesamteindruck in anachronistischem Mobiliar. Duisburg-Ruhrort 1981.

Es wird Currywurst für irgendwas um die Einsfuffzig, Pommes und die üblichen frittierten Gegenstände wie Calamari, Schnitzel und ähnlich hergestellte nahrhafte Elektrolyte für suffbedingten Heißhunger gegeben.

Die Currywurst ist selbst für hartgesottene Naturen eine Herausforderung. Obgleich ohne Darm setzt sich das Innere von der frittierten und hierdurch neu gebildeten Epidermis ab, es entsteht ein nicht unerheblicher bizarrer Hohlraum, den zumindest was mich betrifft noch niemand mit einer darmlosen Currywurst hinbekommen hat. Faszination macht sich unwillkürlich breit – etwa die Sorte morbider Faszination, die einen bei einem Motorradunfall von den Resten an Hirn, Knochen und Scheiße auf dem Autobahnasphalt nicht wegsehen lässt.

Der Wurst gelingt es zudem, leicht säuerlich zu schmecken, als hätte man sie vor dem Frittieren in Essigessenz eingelegt, so dass im Abgang neben dem brackigen Fettgefühl nur noch eine halbseidene aber penetrant säuerliche Note übrig bleibt, die mit durch Sodbrennen zutage gefördertem Magensaft eine korrespondierende Koalition der Willigen einzugehen in der Lage wäre. Es gehört eine gehörige Portion Fatalismus dazu, dies aufzuessen.

Ketchup und Currypulver hingegen hinterlassen geschmacklich keine – ich betone: keine – Spuren, so dass sich die Hauptgeschmacksrichtung des Gesamtwerks als rein säuerlich-fettig abschließend charakterisieren lässt. Eine wahrlich seltsame Kombination, die mir in dieser eigenwilligen Reinform noch nie untergekommen ist und auch hoffentlich nie wieder unterkommen wird.

Die Pommes sind deutlich besser, hier scheint mir entgegen des Lokalnamens ganz klar die Kernkompetenz verortet zu sein. Die dünne hochwertigere Version der Fettstäbchen ist exakt auf den Punkt frittiert, das Äußere kommt knackig daher ohne hart zu sein, dazu goldgelb-glänzend in der Optik, nicht zu fettig im Geschmack, so muss das sein. Sehr gut.

Der Inhaber respektive der Typ hinter der Theke hat seinen Laden routiniert-freundlich im Griff, scheint ganz offensichtlich an das permanente (Lebens-)Krisenmanagement seiner Gäste gewöhnt und lässt als Gastgeber keine Wünsche offen.

Außer vielleicht den Wunsch, eine bessere Currywurst zu bekommen.