Kaffeehaus Madlen

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Kaffehaus Madlen, Café, Prenzlauer Berg

Madlen. Ich trinke da gerne mal meinen Kaffee. Am besten draußen mittendrin in der Tischaufstellung mitten im Mühlenberg-Center, nicht drin in den vier Wänden des kleinen Caferaums, wo man nichts mitkriegt.

Man kann da so schön Leute beobachten. Das Center ist ja so eine Art Marktplatz, hier trifft man sich, hier lebt noch der Einzelhandel, auch wenn Netto und Edeka aus dem Untergeschoß geiern.

Hier ist die einzige Postfiliale der Welt, an der man nicht lange anstehen muss. Hier gibt es gleich zwei Pfennigläden, die Haushaltsartikel zum Kampfpreis anbieten, ein kleines Büdchen, das Taschen und Tand verkauft, eine Änderungsschneiderei, ein speckiges Bistro, ein fieser Döner. Hier hat noch kein H&M und noch kein Starbucks und noch kein Mango oder Esprit die Hallen mit Einheitsbrei verseucht und hier gibt es tatsächlich noch einen Einzelhändler für Elektronik, der nicht Media Markt, Saturn oder Medimax heißt.

Hier sitze ich und kann nicht anders, schlürfe meinen überraschend guten Kaffee und vergleiche den weiblichen Service mit dem männlichen und stelle fest, dass sich beide nicht verstecken müssen, weder hinsichtlich der Schnelligkeit, noch der Freundlichkeit noch des erfreulich guten Aussehens wegen. Vielleicht sind die ja sogar zusammen, diese zwei Volltreffer im Genlotto. Wäre ja selten. Normalerweise sind hübsche Menschen ja lieber mal mit etwas weniger hübschen zusammen, was dann viele verstört, die sich wundern wie so einer an so eine kommen kann oder umgekehrt.

Wahrscheinlich ist das deswegen so, weil die Hübschen sich dann besser fühlen und jemanden haben, auf den sie unbewusst herabschauen können oder weil sie es schlicht nicht ertragen können, wenn jemand genauso hübsch ist, weil das automatisch Verlustängste bedeutet, die sie auch wieder nicht ertragen, genausowenig wie die zwangsläufigen Konflikte, die es zwischen zwei gleichrangigen unabhängigen Menschen gibt und an denen man dummerweise arbeiten muss, was auch wieder so viele nicht können und dann Konflikte so lange wegleugnen bis die Blase platzt. Uff. Küchenpsychologie am Morgen, schnell noch einen Kaffee.

Während ich derart sinnlosen Gedanken nachhänge, werde ich zwangsläufig Zeuge der Gespräche um mich herum. Es geht um Nachbarskinder, die auch jetzt im März immer noch Böller zünden, die Rente, die nicht reicht, den Hausmeister, der trinkt, die Ehe, die kaputt ist und darum, mit wem aus der Oberstufe die hübsche Simona aus der 8ten diese Woche neu zusammen ist.

Und direkt neben dem verirrten Hipster mit der ironischen Schiebermütze sitzen zwei dicke Freundinnen. Eine erzählt von ihrem Beziehungsstress. Es ist das Übliche, sie die Gute, er der Böse. „Er hat noch eine allerletzte Chance.“ sagt die Gute. Jetzt muss ich lachen. Sie sieht nicht so aus als wäre sie in der Position, Chancen zu vergeben, schon gar keine allerletzten.

Eine kleine Lindenstraße ist das hier, ein bisschen GZSZ, man muss sich nur reinsetzen, egal zu welcher Zeit, mitten rein, Kaffee trinken, die Ohren spitzen und zuhören, dann muss man keine Soap schauen. Man könnte darüber ein Buch schreiben, ach was, einen Fortsetzungsroman.

Denn morgen geht’s weiter. Und hört nie auf.

Und nächste Woche erfahre ich, warum Simona diese Woche Schluss gemacht haben wird und warum der, den sie dann haben wird, viel besser ist als der, den sie diese Woche hatte. Und vielleicht vergibt die Dicke auch wieder eine allerletzte Chance. Es bleibt spannend.

Nur eines ist sicher: Der Kaffee wird dann noch genauso gut sein.