Das Spielzimmer

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Das Spielzimmer, Kindercafé, Prenzlauer Berg

Auf der Suche nach dem in den Medien verbreiteten Schreckgespenst der untoten Terrormütter traue ich mich weiter vor als bisher schon, tief ins Herz von Bionadeland. Nähe Helmholtzplatz. Hier wo Mütter eine Initiative gegründet haben, die die letzten drei Trinker Prenzlauer Bergs von ihrer Parkbank vertreiben soll, weil zu offenes Zurschaustellen gesellschaftlichen Elends die Kinder in ihrer Entwicklung beeinträchtigen könnte. Hier wo Mütter auf Fahrrädern mit Zwergenkisten vorne dran die Passanten vom Bürgersteig fegen, wo um 20.30 Uhr die Polizei gerufen wird, wenn der Fernseher nebenan droht, den kleinen Torben-Eusebius aufzuwecken, der am nächsten Morgen früh wieder zum meditativen Förmchenstapelyoga muss. Aloha Klischee.
 
Mit einem Kloß im Hals und dem Zwerg unterm Arm betrete ich das Spielzimmer. Werden sie mich rausschmeissen, weil mein Kind eine Plastik(!)rassel in der Hand hat und eben noch ein dickes Stück meiner Ketwurst abgebissen hat, was jede biologisch korrekte Veganernase schon auf 10 Meter Entfernung riechen kann?
 
Nix is.
 
Wieder nix.
 
Keine Stressmutter hier. Nicht eine. Klar, ADHS-Kinder wohin das Auge reicht, aber das macht ja nichts, ist ja ein Kindercafe hier. Dafür gibt es die ja. Und Ritalin ist ja auch nicht immer zur Hand.
 
Langsam glaube ich, diese ganzen prenzlberger Terrormütter gibt es nur in den zugekoksten Hirnen irgendwelcher gelangweilter Onanisten in den Regionalkäseblättern, denen gerade mal wieder die Themen ausgegangen sind oder die ein Buch schreiben wollen und dringend ein Feindbild brauchen.
 
Ich für meinen Teil habe ein schönes Frühstück vertilgt, dessen einziger Schwachpunkt die etwas industrieartigen Aufbackbrötchen waren, dazu habe ich einen Tee getrunken, dessen einziger Schwachpunkt war, dass er sich – wie leider immer öfter festzustellen – in einem Wasserglas befand, so dass er erst dann ohne Verbrennungen an den Fingern getrunken werden kann, wenn er schon fast kalt ist. Und zuletzt habe ein unverschämt pervers finster übel teuflisch gutes Stück New York Cheesecake zu mir genommen, das keinerlei Schwachstelle aufwies, wenn man von seiner unverzüglichen und deutlich spürbaren Symbiose mit dem eigenen Bauchspeck absieht. Teufelszeug.
 
Das Spielzimmer ist – dafür dass hier so viele Zwerge ihr Unwesen treiben – recht sauber und verfügt zu meiner Freude über einen abgesperrten Bereich für Zwerge unter drei Jahren, was den Vorteil hat, dass man gerade nicht wie ein Geier darauf achten muss, ob das eigene Kleinkind gerade mal wieder von einem vierjährigen Terrorradler auf einem Dreirad, der jetzt schon für die Bürgersteige Prenzlauer Bergs übt, umgefahren wird. Die Ecken könnten besser gepolstert sein, weil unter Dreijährige sich gerne mal auf die Fresse packen, aber nun gut, Schmerz härtet ab.
 
Der verlangte Eintritt für ältere Kinder ist sehr gewöhnungsbedürftig. Ich für meinen Teil würde den Eintritt eher auf den Latte oder meinetwegen den Kuchen aufschlagen, das merkt eh keiner und sieht nicht ganz so gierig aus wie es eben aussieht.
 
Ja, wieder nix, wieder keine Terrormütter, dafür ein ganz nettes Cafe mit doch einigen Schwächen. Ich muss wohl weitersuchen, um irgendwann das Klischee zu finden, von dem alle reden, die keine Kinder haben.