John Barnett

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John Barnett Schiffsrestaurant, Potsdam

In einem Anflug von Demenz und aufkeimendem Wahnsinn habe ich vor einigen Jahren mal Unterschichtenfernsehen gesehen. Christian Rach war für RTL auf dem Restaurantschiff John Barnett und hat versucht, den lecken Kahn wieder flott zu kriegen.
 
Danach ging es offenbar stark abwärts. Auf einem obskuren Bewertungsportal im Internet hat das Lokal in den darauffolgenden Jahren richtig viel Prügel einstecken müssen und ich begann mich zu fragen, wer das verbockt hat. Rach, weil seine Tipps umgesetzt wurden aber nicht anschlugen? Das John Barnett, weil es Rachs Konzepte nicht umgesetzt hat? Oder ist es einfach nur einer dieser Shitstorms im Internet, in dessen schwerer See sich das John Barnett seit Jahren befindet?
 
Feigheit ist was für Feiglinge – also geh ich mal hin.
 
Man schreibt, der Service sei langsam und unfreundlich. Ich kann das nicht bestätigen. Er war vielmehr, zumindest was meinen Besuch betrifft, aufmerksam, schnell und sehr freundlich.
 
Man schreibt, das Essen sei ungenießbar. Das ist es nicht, zumindest zu großen Teilen nicht und zumindest nicht als ich da war.
 
Die beiden Suppen zur Vorspeise waren bodenständig, gut, wenn auch nicht dazu geeignet, in Jubelarien auszubrechen, Purzelbäume zu schlagen und spontan ein Kind zu zeugen, aber gut, echt okay. Kann man machen.
 
Von den Hauptspeisen war eine gut, die andere eine Zumutung. Die gute Hauptspeise in Form des Labskaus war frisch, großzügig dimensioniert und anständig im Geschmack, wenn es auch etwas gewöhnungsbedürftig ist, alle, wirklich alle Zutaten selber zerkleinern und zusammenmanschen zu müssen. Ich kenne das so, dass zumindest die Kartoffeln, die rote Beete und das Fleisch schon zermanscht und gewürzt sind und man den Rest nach Gusto dazugibt. Aber egal, jeder Jeck macht den Labskaus anders und das ist auch okay so.
 
Nun kann man einwenden, dass man bei Labskaus – abgesehen vielleicht vom Spiegelei – nicht viel falsch machen kann und dies mithin also nicht für irgendeine Art von Kochkunst spricht. Das ist sicherlich nicht ganz von der Hand zu weisen, gerade wenn man sich die Kriegserklärung in Form der anderen Hauptspeise vor Augen führt.
 
Das Rumpsteak war für seine 14 Euro ein bemitleidenswert übles Stück Fleisch von irritierend schlechter Qualität, durchsehnt und für den Preis viel zu klein. Allerdings wurde es gekonnt medium-rare gebraten. Immerhin.

Können dieser Art hilft aber leider nicht viel, wenn das Steak zusätzlich zu seiner fiesen körperlichen Konstitution einen unterschwellig säuerlichen Grundgeschmack und sonst nichts weiter vorweist als hätte man es vor dem Anbraten in Essig eingelegt. Hand aufs Herz, John Barnett: Kommt es aus dem Tiefkühler? Und war es da schon eine Weile? Und war es auch sowieso das ganz günstige Stück mit dem roten Sonderpreis-Aufkleber? Woher auch immer, John Barnett, das jedenfalls war ein geschmacklicher Offenbarungseid, den sich nicht einmal unsere Kantine für ein Viertel des Preises abzuliefern trauen würde.
 
Die Beilagen dazu in Form der Tiefkühlrösti-Dreiecke und der ungewürzten und daher völlig ohne Eigengeschmack daherkommenden Tiefkühlbohnen mit dem viel zu fettigen Speck sind da nur die deprimierende Abrundung eines unterirdischen Hauptgangs für 14 Euro, dessen Bestellung ich sehr bedauert habe.
 
Die Nachspeisen wollten sich das nicht länger mitansehen und setzten einen unerwarteten Glanzpunkt an das Ende der Menüfolge. Besonders zu empfehlen sind die überraschend guten, ganz frischen selber gemachten und perfekt frittierten Quarkkeulchen, wenn man hinsichtlich des banalen Supermarkt-Apfelmuses, den es dazu gibt, ein Auge zudrückt. Die Nachspeisen sind für den Preis mehr als großzügig dimensioniert, Respekt.
 
Zuletzt schlagen noch ein durchschnittlicher Espresso und ein erfreulich guter russischer Wodka zu Buche.
 
So.
 
Durchwachsen, John Barnett, durchwachsen. Aber auch nicht ganz so mies wie es einige darstellen wollen. Es ist aber auf jeden Fall noch viel Luft nach oben. Tipp: Bessere Waren, einfach ein wenig besser einkaufen, denn das Können, diese zuzubereiten, ist ja offensichtlich da. Raffiniert würzen könnte darüber hinaus auch Freude spenden, sagt man.

Dann, und nur dann, könnte das hier eine Goldgrube werden. Dazu braucht man keinen Rach, sondern einfach einen besseren Großhändler oder einfach ein glücklicheres Händchen beim Einkaufen.
 
Ahoi.