Jolesch

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Jolesch, österreichisch, Kreuzberg

Eine Brünette in der Sonne, das seidige Haar fällt halblang über den Schultern, über der makellosen Stirn von einer eleganten Sonnenbrille gehalten, ein edles Teil, das sonst die Augen verdeckt, diese großen braunen Rehaugen, die in die Leere schauen, perfekt betont von langen Wimpern, dieses schöne ebenmäßige Gesicht, das in seiner Makellosigkeit nur wenig kosmetischer Nachhilfe bedarf, brauner Teint tritt im Sonnenlicht in einen Dialog mit der eleganten schwarzen Lederjacke als ein kaum merkbares Lächeln die Mundwinkel streift und sie meinen Blick auffängt.
 
Dann klingelt ihr Telefon.
 
„Ey was wills du jetz widda Alter du hässlisches Fickgesischt, hab isch dir gesagt du solls misch nisch mehr anrufen, fick disch du Hurensohn, Alter!“
 
Plopp!
 
Wo bin ich überhaupt? Ah. Kreuzberg. Jolesch. Österreichische Küche. Gediegen. Gutbürgerlich der feineren Art. Was weiß ich denn ob das authentisch ist, sehr gut ist es hier allemal. Okay, ein Pedant würde bemängeln, dass die Panade nur im Ausnahmefall am sonst überdurchschnittlichen Wiener Schnitzel kleben bleibt, mir ist das egal, ich Banause esse die Panade auch ohne Fleisch, weil selten so gut gewürzt erlebt, schön buttrig wie sie sein soll krönt sie ein hervorragendes Stück Kalb, der dazu gereichte Kartoffelsalat kommt ohne Mayo dafür mit Kürbiskernöl daher. Extrem gute Wahl. Preiselbeeren runden das sowieso schon runde Bild ab.
 
Und sowieso habe ich das Saftgulasch bisher nirgendwo besser gegessen. Mit echten Knödeln, fest, fein, exzellent, wow.
 
Und sowieso ist es so: Auch der Mittagstisch ist sehr fein von der Auswahl und sehr edel in der Zubereitung, dazu recht günstig für viel Geschmack, viel Erleben, viel Freude über Können und ein wenig Erstaunen über den mir persönlich zu lakonischen Service, der die Bitte um die Rechnung mit „Wie schade“ oder „Sie gehen schon?“ quittiert. Touché, ich bin tatsächlich pikiert, kannte das Gefühl schon gar nicht mehr. Aber originell allemal, denke ich trotzdem, echter Schnöselcharme zum nach Hause gehen. Wortkarg bin ich weil ich mit ihr nicht kann. Manche Menschen kommunizieren einfach aneinander vorbei. So wie ich und sie. Es gibt so ne Menschen, die sind wie zwei Pluspole. Das ist aber egal, passiert eben und hält mich nicht vom Essen ab.
 
Würde hier gerne wohnen. Dann käm ich öfter vorbei. Trotzdem.