Rollberg-Kino

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Rollberg-Kino, Neukölln

Neukölln überrascht immer wieder. Wer a) sich von großen Boulevardzeitungen nicht verrückt machen lässt, die immer mal wieder den Untergang des arischen Abendlandes – ausgehend von Berlin-Neukölln – ausrufen, und b) Thilo Sarazzin für einen spießigen Hysteriker hält, der darf sich in Neukölln freuen über Jazzkeller, lustige kleine Kneipen, türkischen Einzelhandel, der mit der heiligen Ehre für Frische und Qualität der Waren bürgt und über ein schönes Kino: Das Rollberg, natürlich betrieben von der ehrwürdigen Yorck-Gruppe, die nicht müde wird, ein Kontrastprogramm zum lausigen Mainstreamkino in den allgegenwärtigen Multiplexen zu setzen.
 
Ich saß hier schon in einem HipHop-Sprayer-Film mit lauter Bushidogesichtern, in einem polnischen Beziehungsdrama – gedreht in Białystok oder Bydgoszcz oder Białygoszcz – mit lauter polnischen Omis und in einem Film über die Karriere von Arthur Abraham mit … niemandem. Da saß ich ganz alleine. War dem Rollberg-Kino aber ganz egal, die haben den Film auch ganz für mich alleine vorgeführt, da sind die schmerzfrei. Das war toll, da konnte mich mich selber mit der Taschenlampe meines Smartphones blenden, mich selber mit Popcorn bewerfen und mit mir selber reden, damit ich nichts vom Film mitbekomme. Der Film war eh scheiße, deswegen saß da ja außer mir keiner drin.

Wenn ich es zu allem Überfluss noch geschafft hätte, mir selber in den Sitz zu treten und meine Füße auf die Lehne neben meinem Kopf zu betten, wäre das Multiplex-Feeling optimal gewesen.
 
Nein, Ernst beiseite, ich freue mich, dass mich im Rollberg-Kino noch nie jemand genervt hat, es scheint wohl das Fehlen jeglicher Kommerzatmosphäre zu sein, die einige Spenderhirnanwärter in Multiplexen offenbar immer dazu beflügelt, sich aufzuführen als wären sie vormittags in der Schule beim Deutschunterricht in einer durchschnittlich heruntergekommenen Schule dieser Stadt. Kleine Off-Kinos von Yorck sind normalerweise anders und ich mag das.
 
Ich mag das Rollberg-Kino, ich mag Neukölln. Da kann unken wer will.