Le Midi

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Le Midi, Café, Prenzlauer Berg 

Mir sind bisher nur wenige Lokale begegnet, in denen alles schmeckt, egal, was man bestellt. Alles, völlig egal, ob es ein warmes Tagesgericht, eine Suppe, ein Frühstück, ein Kaffee, einer der ständig wechselnden Kuchen oder ein Quiche ist. Das Le Midi ist so ein Lokal: Alles toll, fein, exquisit, nie profan und immer weit vorne in der Rangliste guter Nahrung. Sie können bestellen, was Sie wollen, es wird gut schmecken, immer. Egal wann, egal, wer hinter der Theke steht, egal, was. Schmeckt. Schwöre.

Hab ich ein Problem? (Hassu? Habisch.) Ja, leider, und es ist wieder so symptomatisch für diese Stadt: Der Service muss oft zum Jagen getragen werden, egal wie viel man bestellt, egal, was man bestellt, egal wo man sitzt, ob drinnen oder draußen, egal, ob der Laden leer ist oder rappelvoll, ob man barfuß oder mit Lackschuh am Tisch sitzt: Man sitzt lange vor den leergefutterten Tellern. Sehr lange. Zu lange. Leider. Minuspunkt. Tut mir in der Seele weh, aber der Service merkt manchmal erst, dass die alten gammligen Teller von vor einer halben Stunde noch auf dem Tisch rumstehen, wenn er die nächste Bestellung oder den nächsten Gang bringt und dann überrascht feststellt, dass hierfür kein Platz auf dem Tisch ist. Dann muss der Gast selbst mit anpacken und es wird alles etwas umständlich mit der Tellertauscherei.

Bringt mich nicht um, zugegeben, finde ich aber auch nicht gut.

Es ist eben so: Ich möchte auch manchmal noch was nachbestellen oder ein Dessert nehmen oder noch einen Kaffee dazu oder vielleicht einfach bezahlen. Das artet dann aber in Arbeit aus, der Versuch, die Aufmerksamkeit des immer zeitunglesenden, irgendwo Backstage herumwerkelnden oder mit Freunden oder Nachbarn plaudernden Personals zu erregen, schlägt zu oft fehl, meist muss man aufstehen und an die Theke gehen. Oder rufen, winken, einen Chinaböller oder bengalisches Feuer zünden, was draußen aber leider gar nichts bringt. Man muss immer rein, wenn man was will.

Wenn man draußen mal spontan stirbt, wird man dort wahrscheinlich unbemerkt für Wochen vor sich hinverwesen wie in einer durchschnittlichen berliner Etagenwohnung. Kriegt niemand mit. Müffelt ein bischen, aber das juckt keinen.

Leider gilt die Wartezeit auch dann, wenn man der einzige Besucher ist. Das nervt leider und ich verstehe es nicht.

Und – ach was reg ich mich auf – wenn der Laden voll ist, dann geht gerne alles komplett vor die Hunde und man wartet für alles noch länger als sonst schon, fürs Bestellen, fürs Nachbestellen, fürs Getränkebestellen, fürs Dessertbestellen, fürs Bezahlen, während man lange, zu lange, quälend lange, auf das vor langer Zeit benutzte Geschirr schaut und man Bestellungen, die man beim hoffnungslos untergehenden Personal vor noch längerer Zeit aufgegeben hat, im Geiste abschreibt und mühsam versucht, nicht zu vergessen, dass man das auf der Rechnung irgendwann in einigen Stunden überprüfen sollte.

Es ist ein kleiner Kampf, den man Gast hier gerne mal führt. Nicht immer, zugegeben. Aber oft.

Aber: Das Essen ist es wert. Jede Minute, die man länger wartet als anderswo. Wirklich wert.

Also warte ich…

… und warte …

… und warte weiter …

… und sollte ich draußen irgendwann von allen potenziellen guten Geistern unbemerkt abkratzen, dann pule mich doch bitte jemand vom Stuhl ab, sage meiner Frau, dass ich sie liebe und begrabe mein Hirn an der Biegung der Spree nahe der Insel der Freundschaft, denn es wäre schade um jeden Kunden, den ich als sitzender Zombie diesem schönen Lokal vergraule.