Anhalt

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Anhalt, Mittagstisch, Kreuzberg

Das Anhalt ist schon lange kein Geheimtipp mehr. Die Idee ist grandios: Unscheinbar von außen in einem uralten aber restaurierten Gebäude einer immer noch betriebenen Tankstelle untergebracht, ist es vom etwas entfernten Bürgersteig kaum wahrzunehmen und wenn, dann hält man es für eine durchgeknallte Werbeagentur, die cool sein will.

Die Öffnungszeiten sind am Prinzip „Mache dich rar und damit wertvoll“ orientiert und mit einem Umfang von 12 bis 16 Uhr relativ sparsam. Innerhalb dieser Zeit werden bodenständige, leider nur manchmal raffinierte, manchmal banale und manchmal etwas zu derbe Gerichte zubereitet, die nie besonders extravagant oder ausgeflippt aber auch nie sehr schlecht sondern meistens in Ordnung sind. Preislich bewegen wir uns bei den wöchentlich wechselnden Gerichten zwischen 6 und 8 Euro, was für Menge und Güte schon in Ordnung geht.

Ein Bonbon ist die Terrasse ganz oben mit einem zauberhaften Blick auf Tankstelle, Arena und Spree, die deshalb bei schönem Wetter gerne mal ein paar Minuten nach Öffnung voll ist.

Mir scheint, man hat hier zunächst mal fast alles richtig gemacht. Dezenter Auftritt, aber verbindlich in der Ausführung. Das schafft Stammkunden und spricht sich herum, auch ohne Marktgeschrei und grelle Werbung. Ich würde beim Essen vielleicht doch noch eine Schippe drauflegen, das Homes ein paar Meter Richtung Kreuzberg kocht mittags ein wenig besser und ist günstiger. Da geht noch was.

Zu meinem Leidwesen hat sich der Ort auch schon zu der sich für Gottes Geschenk an die Hauptstadt haltende Kreuzberger Kreativwirtschaft herumgesprochen, die gerne in international zusammengesetzten und immer sehr wichtigen Rudeln die Tische neben mir bevölkert, so dass ich mir nun auch hier die tuntige Angeberei mit der eigenen sinnlosen und von der Verwandtschaft aus der westdeutschen oder norditalienischen Provinz aufrechterhaltenen Existenz reintun muss, dieses allerdings mehrsprachig, deutsch, englisch, italienisch. gelegentlich portugiesisch – immerhin. Wahrscheinlich sind das die, die wegen krankhafter Aufschneiderei im Biergarten von Heinz Minki nebenan Hausverbot haben.

Es ist wie immer: Wenn ein Ort beginnt, für die Wichtigtuer hip zu werden, sollten sich qVernünftige was anderes suchen.