Offenbach Stuben

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Offenbach Stuben, mediterran, Prenzlauer Berg

Die Offenbach Stuben sind der Nachfolger vom ehemaligen „Jacques Offenbach“, einem soliden, französisch angehauchten, teils mediterran ausgerichteten Lokals, in dem ich vor Jahren mal sehr gut, sehr fein, ganz toll gegessen habe.

Irgendwann wechselte der Betreiber, nannte sich Offenbach Stuben, band sich an Groupon, was immer ein ganz schlechtes Zeichen ist, und ging mit seinen dubiosen Gutscheinen baden. Die Gutscheinkäufer auch, die er verarscht hat.

Dann der Neustart, neuer Betreiber und die Besinnung auf das, was mal war. Die Karte im Internet zeigt feine Speisen von 9 Euro (Linguine di Parma mit Pinienkernen) bis 25,50 Euro (Filet Gourmet) und suggeriert gehobene Küche wie früher. Ich will mal wieder hin.

Die Ernüchterung folgt nach dem Blick in die Karte.

Tex Mex.

In der Karte steht der übliche Tex Mex-Kram, der nie gut ist und von dem im Internet nichts zu sehen ist: Spaghetti Bolognese für 3,80, überbackene Nachos, billige Cocktails und der andere übliche Kram, vor dem ich regelmäßig wegrenne wenn ich ihn sehe. Was zum Teufel ist hier los? Wo ist die Internet-Karte vor Ort? Warum steht im Internet etwas, was es hier gar nicht gibt?

Ich erwäge einen Wein. Es gibt Dornfelder für 7 Euro die Flasche. Dornfelder. Is klar. Der Quasimodo unter den Weinen. Und Lambrusco ebenso für 7 Euro die Flasche. Lambrusco. Kenn ich noch als 2-Liter-Flasche von der Tanke, im Freibad aus der Flasche gesoffen. Auf Ex. Vor der Ohnmacht in der prallen Sonne.

Und es gibt noch einen Rioja, der ebenfalls 7 Euro die Flasche kostet.

Ich habe am meisten Angst vor dem Rioja, es muss einfach die Lidlflasche mit dem dämlichen Goldnetz sein, was anderes geht gar nicht für den Preis eines Dornfelders. Nein, ich will keinen Wein mehr. Wasser. Mehr will ich hier nicht.

Was ist hier passiert? Hat das alte neue Konzept nicht mehr getragen? Hat der Groupon-Amokläufer den Laden bis auf Generationen verseucht, so dass jetzt gar nichts mehr geht? Und macht man jetzt einen auf Billig, weil einem sonst nichts mehr einfällt, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen? Billig? Prekär? Hier in Prenzlauer Berg? Warum? Das wird doch nix, das ist doch Absturz mit Ansage. Außer versprengten Touristen, die sich zudem selten in diese unprominente Ecke Prenzlauer Bergs verirren, isst das doch niemand. Meine Güte. Das fährt doch voll gegen die Wand. Mit Anlauf.

Die Karte scheint zudem von einem Legastheniker geschrieben worden sein. Das Rumpfsteak grüßt die Krutons und der gesamte fehlende Durchblick eines durchschnittlichen berliner Schülers in deutscher Rechtschreibung geistert durch die Speisekarte. Ich habe das letzte mal eine solche Ansammlung von Fehlern in meinem ersten Diktat in der Grundschule gesehen.

Wenigstens ist das Lammfilet noch da. Und es gibt ein 300g-Rindersteak für 13,80. Und eine Zwiebelsuppe. Und Schnecken. Ich bin bereit, nach jedem Strohhalm zu greifen, der halbwegs nach gutem Essen und nicht nach Kneipenfraß aussieht.

Die Schnecken sind Tiefkühlware, dafür aber recht fleischig, aber völlig sinnfrei ohne Knoblauch in banalem Öl mit ein paar Alibikräutern (unter anderem Oregano, warum nur?) gebacken, was nicht wirklich schmeckt. So gesehen kann man auch auf Reifenteilen rumkauen. Man will nicht einmal das durchschnittliche Brot in die Tunke tunken, weil die fade Öltunke einfach nicht schmeckt.

Die Zwiebelsuppe ist ein Desaster. Es ist heißes Wasser mit ein wenig gefriergetrocknetem Grünzeug, in dem rohe Zwiebelstücke schwimmen, die im heißen Wasser tatsächlich gegen Mitte der Mahlzeit doch noch leicht angaren. Darauf schwimmt ein Toast mit Gummikäse überbacken, der nach nichts schmeckt und Fäden um den halben Block zieht. Furchtbar. Wer Zwiebelsuppen kennt wie sie in Frankreich standardmäßig großartig so nebenbei in jedem popeligen Bistro serviert werden und immer große Freude bereiten, wird beim Anblick dieser Jammergestalt von Zwiebelsuppe anfangen zu weinen.

Zwiebelsuppe und Schnecken werden beim Servieren darüber hinaus derart schief gehalten, dass beide Unterteller nebst Serviette komplett überfluten, aber dennoch wird beides munter weiter drauflos serviert, ohne dass man versucht, das optische Inferno noch irgendwie in Ordnung zu bringen. Fragwürdig. Meine fürchterliche Kantine hätte das wieder mitgenommen, weil es peinlich ist, Essen in so einem Zustand zu servieren.

Das Lamm ist komplett durchgebraten bis in die allerletzte Faser und damit hat man dem Lamm das Schlimmste angetan, was man einem Stück Lamm antun kann. Ein Lamm, das innen rosa geblieben ist, lässt seinen markanten Geschmack mit dem angebratenen Äußeren harmonieren, ist es komplett durchgebraten, kann man auch ein schnödes altes Rind essen, der Unterschied fällt kaum auf. Das Lamm hier schmeckt zudem nicht wirklich frisch, so dass ich nicht mein Monatsgehalt verwetten würde, dass es nicht aus dem Tiefkühler stammt. Wenn ich schon Känguru auf der Karte sehe, dann weiß ich sowieso, wie groß die Tiefkühltruhe im Keller sein wird.

Die Antwort „Medium Rare“ auf die Frage, wie das 300g-Rindersteak sein soll, rief offenbar in der Küche komplette Irritation hervor, denn das Ergebnis ist ein komplett blutiges Stück Fleisch. Das ist mir zwar egal, denn ich esse es auch blue sehr gerne, aber es ärgert schon, dass das Wissen um die Zubereitung des Fleisches, das man anbietet, gar nicht erst da ist.
Ein wenig Slapstick-Atmosphäre kommt plötzlich auf, als zum Steak eine Handvoll billiger Supermarktsoßen aus der Flasche angeboten werden. Weiße Pfeffersoße. Hot Chili. Barbecue. Und – verdammt – ist das Cocktailsoße? Ich glaube zunächst, der Service will mich verarschen und lache höflich, aber der meint das tatsächlich ernst. Was soll das denn jetzt? Bin ich beim Grillfest? Bei Hertha an der Bratwurstbude? Nein, bitte nicht. Nein, keine Soßen, vielen Dank, meine Güte, wo bin ich hier gelandet? Was ist aus dem guten alten Jacques Offenbach geworden?

Aber es gibt einen Lichtblick, tatsächlich: Das Fleisch ist gut, wirklich gutes Fleisch, ich hab das gar nicht mehr erwartet, ich habe hier sowieso überhaupt gar nichts mehr erwartet. Aber die Freude währt nicht lange hier in den Offenbach Stuben: Die Pommes sind eine Katastrophe, Frosta ahoi, wahrscheinlich noch vom Backblech, und die grünen Bohnen sind nur fade Tiefkühlware mit ein wenig fadem Speck, der noch nicht einmal salzig ist. Grausam.

Der Espresso, den ich vor lauter Heimweh gar nicht mehr bestellt hätte, wäre er nicht aufs Haus gegangen, war jedoch ebenfalls völlig überraschend gut und setzt neben dem Fleisch den zweiten und letzten Glanzpunkt.

Aber mal ehrlich: So nicht. Die Karte ist ein wildes Sammelsurium aus Steakhaus für Wannabes, TexMex, Billigpastabude und Cocktailbar. Es schmeckt größtenteils auch so. Nicht wirklich gut in der Gesamtschau. Und warum steht im Internet eine andere (noblere) Karte als die, die man vor Ort in die Hand gedrückt bekommt?

Fehlt eigentlich nur noch ein Plastikkaktus mit Sombrero und der arme Jacques Offenbach rotiert in seiner Gruft wie eine Zentrifuge.

Ja. Schade. Runtergerockt. Klassisch runtergerockt. Über Jahre. Jetzt ist man unten. Ganz unten. Jetzt weht nur noch der Wind der Verzweiflung durch den Ort. Und ein Dornenbusch rollt vorbei. Gute Nacht. Macht zu. So nicht.