Teldafax

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Teldafax, Stromanbieter

Und so begab es sich dass Klein Fritzchen beschloss, seinen Stromanbieter zu wechseln. Jahrlang hatte man ihm erzählt, es gäbe einen Wettbewerb, man sollte wechseln und es wäre ja so einfach. Fritzchen war skeptisch. Das ist Deutschland hier und das bedeutet doch dass es nie einfacher wird, sondern stets komplizierter und vor allem teurer.

Dennoch, irgendwann war Fritzchen waidwundgeschossen und glaubte selber daran, dass der freie Markt das Allheilmittel für alle Probleme ist und sein hoher Strompreis nicht daran liegt, dass sich einige wenige Shareholder die Taschen voll machen sondern dass er daran selbst schuld ist weil er bisher nicht gewechselt ist.

Ein weises Portal zeigte ihm den günstigsten Weg, der TelDaFax heissen sollte und bot ihm einen unverzüglichen Vertragsabschluss im Internet an. Das tat Fritzchen und freute sich über die Schnelligkeit, mit der zwei Tage später die Vorauszahlung von 450 Talern von seinem nie besonders gefüllten Konto abgebucht wurde. Das geht ja schnell, dachte Fritzchen begeistert, da arbeiten wirklich Profis und ich spare viel Geld.

Dann passiere lange nichts.

Fritzchen fand das seltsam, ging dem nach Ablauf eines Monats nach und erfuhr, dass er kein Ticket habe, aber man nun unverzüglich eines erstellen werde.

Nach Ablauf dreier weiterer Monate bekam Fritzchen ein freundliches Schreiben, in dem sich jemand freute, dass er den Vertrag abgeschlossen habe.

Dann waren sechs Monate vergangen und Weihnachten. Die Geschenke für die Familie mussten dieses Jahr etwas kleiner ausfallen, da Fritzchen um 450 Taler ärmer war, aber sein alter langjähriger Vertragspartner immer weiter die ihm monatlich zustehenden Taler abbuchte, so dass Fritzchens Konto seit Monaten im Minus war.

Und aus dem Chaos sprach eine Stimme zu Fritzchen: „Lächle und sei froh, es könnte schlimmer kommen!“. Natürlich lächelte Fritzchen und war froh und natürlich kam es schlimmer:

Einen Monat nach Weihnachten rechnete der alte Vertragspartner wie jedes Jahr mit ihm ab. Fritzchen musste zahlen – viel zahlen. Das erste mal seit Jahren. Er erfuhr, dass er vor sechs Monaten gekündigt habe und nun in einer „Grundversorgung“ sei, was bedeutet, dass er nirgendwo einen vernünftigen Vertrag habe, man könne dies mit einem Schwebezustand vergleichen, für den er viel zahlen müsse. Aber immerhin müsse er nicht im Dunkeln sitzen.

Fritzchen, immer noch geduldig wie ein ordentlicher Deutscher, hatte große Schwierigkeiten, Kontakt mit seinem Partner TelDaFax aufzunehmen, um zu fragen, was aus dem ganzen Geld wird, dass man von seinem Konto geholt habe, aber man wollte nicht mit ihm reden, drückte ihn immer wieder weg oder ließ ihn in einer mit Technomusik unterlegten Warteschleife verhungern, für die er auch noch viel Geld bezahlen musste.

Fritzchen vermisste inzwischen seine 450 Taler sehr schmerzlich, denn Fritzchen ist kein Großverdiener. Aber, immerhin erfuhr Fritzchen aus der Zeitung, dass sein Vertragspartner TelDaFax mittlerweile Trikotsponsor von Bayer Leverkusen ist, so dass Fritzchen wenigstens auf diesem Wege nachvollziehen konnte, wo sein Geld geblieben ist.

Nun verlegte er sich auf das Briefeschreiben. Anfangs noch freundlich, wurde der Tenor seiner Briefe im Laufe der nächsten fünf Monate immer eindringlicher und irgendwann böse. Doch niemand antwortete ihm.

An dem Morgen, fast ein Jahr nach seiner Vorauszahlung, erwachte er schweißnass im Bette, aufgeschreckt von einem Albtraum, in denen Gewaltphantasien mit Kneifzangen, Lötkolben und Kettensägen vorkamen und ging schnurstracks zum Anwalt, der ihm zwar die 450 Taler im Nu wieder besorgte, aber davon 80 Taler als Sold einbehielt.

Fritzchen lächelte schon lange nicht mehr und war auch nicht froh, denn anstatt zu sparen hat er viel draufgezahlt und ist damit wieder einmal auf die verräterischen gezuckerten Slogans der Apolgeten der freien Marktwirtschaft hereingefallen, die ihm neben dem Strommärchen auch seit Jahren weismachen wollen, dass eine privatwirtschaftliche Berliner S-Bahn viel effizienter und ein privatwirtschaftliches Berliner Wasser viel besser und billiger sei.

An solche Worte denkt Fritzchen, wenn er morgens eine halbe Stunde frierend am S-Bahnhof steht und wegen Überfüllung erst in die dritte verspätete S-Bahn einsteigen kann und auf dem Weg zur Arbeit in der Zeitung lesen muss, dass man in Berlin für sein Wasser am meisten zahlt.

In diesen Momenten erwischt sich Klein Fritzchen manchmal bei Gedanken, in denen Kneifzangen, Lötkolben und Kettensägen vorkommen und ballt die Faust in der Tasche.