Turnhalle

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Turnhalle, Restaurant, Friedrichshain 

Das Lokal hat in dieser einschlägigen Bewertungsplattform im Internet ja schon ordentlich Prügel bezogen. Zu langsam der Service, sagt man, zu teuer und schlecht das Essen.

Ich kann das nicht so ganz nachvollziehen, zumindest nicht für den Mittagstisch. Der Service ist freundlich, aber erkennbar unsicher, ja fast ungeübt im Umgang mit Gästen. Das Selbstvertrauen, mit dem anderswo Gäste geleitet und begleitet werden, findet man hier nicht, eher Zaghaftigkeit als hätte das Personal Angst vor einem neuen Tritt in die Weichteile auf dieser obskuren Bewertungsplattform im Internet.

So kommt auch das Mittagsgericht rasch und in angemessener Zeit auf den Tisch, was vielleicht daran gelegen haben mag, dass ich stets der einzige Mittagsgast in dieser großen, schön gestalteten und bemerkenswert originellen Örtlichkeit war.

An der Wand hängen noch die Leitern für die Turnübungen, der Boden ist Oldschool-Parkett, erkennbar benutzt von Millionen Schülerturnschuhen (keine schwarzen Sohlen bitte!), aber nicht siffig, sondern in seiner historischen Optik gepflegt und angemessen konserviert. Ich sitze auf bequemen Stühlen und manchmal in bequemen Sesseln, die in ihrer schwarz-braunen Optik eine ganz eigene Gemütlichkeit in dieser Halle aufkommen lassen könnten, wenn es außer mir denn auch mal andere Gäste gäbe. Das ist wie in einem dieser kleinen völlig überteuerten Einrichtungshäuser in der City West oder in sonsteinem 60er-Jahre-Verkaufsschuppen, der nicht läuft: Man ist seit gefühlten Jahren der erste und immer der einzige Kunde, merkt das sofort an der Unterwürfigkeit, mit der man begrüßt wird und will eigentlich gleich wieder rückwärts raus, weil die Kundenabsenz ja seinen Grund haben muss.

Der Grund liegt auf der Hand: Der Preis gerade dessen, was man hier Mittagskarte nennt, bewegt sich weit oberhalb eines sonst üblichen Business Lunches oder gar Mittagsmenüs. Okay, das kann man machen, wenn man einen kleinen exklusiven Laden mit ausgesuchter und betuchter Kundschaft hat, für eine so große Örtlichkeit in einem Szenekiez mit einer erdrückenden Konkurrenz wie bei den bettelnden Mitfahrern im berliner öffentlichen Nahverkehr kalkuliert man eindeutig am Markt vorbei. Zwischenzeitlich wurde der Mittagstisch auch wieder eingestampft, wie ich bemerkt habe. Konsequent. So geht’s nicht.

Das Essen ist oft gut, manchmal mäßig, teilweise aber auch sehr gut, wenn auch nie hochklassig. Für die 13,90 Euro ist das Schweinefilet vielleicht ein wenig zu durch und dadurch nicht so zart-rosa wie ich es in dieser Preisklasse erwartet habe und auch erwarten konnte. Das Risotto ist zwar geschmacklich in Ordnung, aber für den zweistelligen Preis eine Spur zu käsig und dadurch nicht fluffig genug sondern relativ pappig wie Milchreis, der zu lange in der Gegend rumstand. Dafür ist die Optik in Form des üblichen abgeschmackten Balsamicocremegemäldes mit seinen lustigen Schnittlauchstängchen recht gelungen. Das ist doch auch schon mal was.

Nein, ich würde die Turnhalle nicht derart vernichtend bewerten wollen wie das hier Usus geworden ist, aber da ist viel, für meinen Geschmack auch etwas zu viel Luft nach oben bei den Mahlzeiten und auf jeden Fall Luft nach unten beim Preis.