Kaufland Storkower Straße

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Kaufland, Supermarkt, Prenzlauer Berg

Kaufland zu loben erzeugt irgendwie so ein fieses Advocatus Diaboli-Gefühl, ein diffuses Unwohlsein, welches Pressesprecher von Energiekonzernen, Tabaklobby oder der steuergeldfressenden Hypo Real Estate haben müssen – irgendwie so eine lausige Mischung aus schlechtem Gewissen, Ertapptsein und Scham – vergleichbar am besten mit einem Biss in einen zerknautschten Royal TS, heimlich beim McDrive bestellt und im Dunkeln direkt auf dem Parkplatz verspeist, dem Spicken in die dauerhysterische Bild-Zeitung des Sitznachbarn in der S-Bahn oder einem Besuch im Puff.

Tut man irgendwie nicht, ist irgendwie unanständig – steht doch Kaufland in der Sympathieskala irgendwo ganz weit unten zwischen Versicherungsvertretern, Energiekonzernen, Banken und Arbeitgeberpräsidenten.

Dennoch, ich muss loben: Kaufland hat in der Storkower Straße tatsächlich davon abgesehen, die Gegend mit einem seiner üblichen architektonischen Kriegserklärungen nachhaltig abzuwerten und zu meiner völligen Verblüffung einen ganz nett anzusehenden Klinkerbau gebaut, der sich farblich sowie stilmässig angenehm anpasst und sich ganz geschmeidig einfügt zwischen die neu erbauten Townhäuser aka Stadtvillen und der anachronistischen Gerippe des alten Schlachthofs. Was ist los? Hat das Bauamt hier in die Planung reingefunkt? Oder der Denkmalschutz? Die EU? Wer hat hier Geschmack bewiesen?

Eigene Einsicht kann es nicht sein, freiwillig baut doch Kaufland niemals ein anständiges nett anzusehendes Gebäude, sondern – wenn man sie denn lässt – nur knastgleiche Wellblechpaläste in stimmungskillendem Grau auf Blech meets Lüftungsrohre auf Waschbeton oder mietet sich in möglichst nichtssagende weiße Zweckbauten mit der Attraktivität einer Justizvollzugsanstalt ein, gerne auch weit weg zwischen obskuren Baumärkten und schäbigen Möbelhäusern und gerne auch mitten auf der ehemals grünen Wiese, die man ausschließlich  motorisiert erreicht. Uff und jetzt sowas hier. Nein, ich will eigentlich nicht, aber ich muss loben.

Das ist ge … gel … glgl … komm du schaffst es … gelungen!

Die Kundschaft des Kauflands ergibt hier an diesem Ort eine interessante bis teilweise explosive Mischung. Hier treffen sich die gutsituierten Bewohner der anliegenden neu errichteten und daher erwartungsgemäß banalen Townhäuser mit dem abgehängten Prekariat der alten jämmerlich sanierten Plattenbauten jenseits der S-Bahn-Gleise und den Bürohengsten aus dem Storkower Bogen, die es karrieremäßig leider nicht weiter als in diesen traurigen Versuch eines Gewerbegebiets gebracht haben.

Weniger Perspektive ist nur noch ein paar Meter weiter beim Jobcenter und natürlich in Alt-Treptow.

Der Kaufland hingegen hat ein wichtiges Problem erkannt und beseitigt: Die prinzipiell prekäre Kassensituation, welche sich als roter nervenzersetzender Wartefaden quer durch alle Supermärkte Berlins zieht, die man hinsichtlich der Dienstleistungsorientierung (=0) nur noch wegen der einlullenden Dudelmusik vom Bezirksamt Pankow unterscheiden kann.

No way, nicht hier, nicht bei diesem Kaufland. Egal wann, hier wartet man kaum bis gar nicht. Dieser Kaufland scheint in der Tat der einzige in Berlin zu sein, der endlich mal ausreichend Personal angestellt hat, so dass der Kunde minimalste Wartezeiten erleiden muss. Die Marktleitung scheint dabei bewusst in Kauf zu nehmen, dass die Kassiererinnen und Kassierer manchmal mangels Kundschaft auch tätigkeitslos rumsitzen bzw. die Flecken auf dem Gummibelag des Fließbands zählen, erreicht aber damit eine extrem hohe Kundenzufriedenheit. Kein Plan, ob es sich rechnet, aber diese Personalplanung scheint eine sehr entspannende Tiefenwirkung sowohl auf das Personal als auch auf die Kundschaft zu haben – niemand ist gestresst, die meisten sind chillig und die Atmosphäre ist gepflegt entspannt. Sogar Samstags.

Hier gibt es in der Tat reihenweise freundliches Personal, sonst eine echte Rarität im Berliner Einzelhandel, mit Goldstaub aufzuwiegen und so wertvoll wie ein lebender Dodo oder der Yeti auf der Frankfurter Allee. Begeisterung greift um sich.

Moment, das geht doch so nicht. Hier fehlt eindeutig einer dieser hochbezahlten Jungdynamiker aus einer der diversen geldvernichtenden Consultingfirmen, der die Hütte mal ordentlich nach Lehrbuch aus dem BWL-Fernstudium optimiert, in dem er erstmal die Gehälter kürzt, die Schichten verlängert, Personal abbaut und dann zur Demotivation der Übriggebliebenen ein abstruses Leitbild entwirft.

Nein, hier noch nicht. Hier kommen die Mitarbeiter so freundlich, zuvorkommend und verbindlich rüber, dass es mir schon fast unheimlich ist und ich sogar fast zu glauben geneigt bin, dass sie hier tatsächlich gut behandelt und bezahlt werden – Zustände eigentlich , die sich mittlerweile mit dem Begriff Einzelhandel fast schon chronisch ausschließen.

Kaufland! Gerne habe ich dir heute den Advocatus Diaboli gemimt, vielleicht wirst du mir ja tatsächlich noch sympathisch auf deine alten Tage.

An dem Tag jedoch, an dem ich irgendetwas Positives über Schlecker, Kik oder andere Finsterlinge des Einzelhandels schreibe, erschieß mich bitte jemand.