Kiezkind

Kiezkind, Kindercafé, Prenzlauer Berg

Ich schnalle das Kind vor die Brust und gehe tief hinein ins Herz von Mordor – heute direkt auf den Helmholtzplatz. Pastellfarbene Bugaboo-Hölle auf Ayuveda-Basis.
 
Ich sehe zu meiner Freude immer noch zwei der letzten tapferen Helmholtzplatz-Trinker mit ihren Sternipullen an den Tischtennisplatten herumstehen – diese letzten Verwegenen, seit Wendezeiten hier am Trinken, die eine lokale Elterninitiative gerne von hier wegmobben möchte – und winke ihnen zu.

Aber niemand winkt zurück, ich bin der Feind, ich habe einen Gentrifizierungszwerg vor meiner Brust hängen, mich seit Tagen nicht rasiert, dass es wie gewollt lässig aussieht, wirre Haare stehen ab, vom Zwerg, der mir dran rumzupft, und einen Beutel mit Windeln, Feuchttüchern und Calendula-Creme dabei, ergo: Ich sehe aus wie ein bionadeschwitzender Prenzlpapa, der seine eigene besungene Biokresse auf dem begrünten Balkon züchtet, mit der er seine morgendlichen Selleriekekse zum Matetee verfeinert – es fehlen eigentlich nur noch die Birkenstocklatschen, Wollsocken, Hornbrille und der enteierte Unterleib – ich sehe also mitnichten aus wie einer, der auch heute noch manchmal mit Bierpulle am Maul in der Gegend rumsteht. Ich würde mich auch nicht grüßen.

Das Kiezkind ist zwar etwas zu verwinkelt, um den eigenen kleinen Scheißer wirksam im Auge behalten zu können, hat aber einen Sandkasten – indoor. Unschlagbar.

Zwerg abgesetzt, Latte (kann man trinken) bestellt, irgendein Sandwich dazu (kann man essen) und zuletzt noch einen Kuchen (grausamst hart).

Showdown im Sandkasten – die Zwerge bewerfen sich mit Schaufeln, einer mit einer Fresse wie Gollum schmeißt einen Plastik-(und das hier in Holzspielzeugland!)-bagger in das Gesicht von meinem, mein Zwerg weint. Der dem sozial amputierten Kind zugehörige Gollum-Papa sagt nichts – hier mitten in Prenzlauer Berg erziehen sich die Blagen selber.

Stille Tage im Klischee.

Ich mag das Kiezkind, die Preise sind verhältnismäßig zivil – wenn auch nicht zu günstig, das Personal freundlich – wenn auch nicht zu überschäumend, das Essen gut – auch wenn das manchmal nicht für den Kuchen gilt, der gelegentlich staubig-hart wie von vorgestern daherkommt.

Auf dem Weg zurück nach Auenland fährt mich eine Ork-Mutti mit einem Fahrrad mit Zwergenkiste vorne dran auf dem Bürgersteig über den Haufen. Sie schreit mich an. Fahrradnazi mit Luftschutzsirene. Ich muss weg von hier, schnell. Und das nächste Mal komm ich mit SUV oder mindestens einem Bugaboo mit Kuhfänger vorne dran.