Schnell & Sauber

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Schnell & Sauber, Waschsalon, Prenzlauer Berg

Der Schnell & Sauber Waschsalon ist ein altgedienter Veteran in der Wichertstraße, in der ein durchschnittlicher Laden lediglich eine maximale Halbwertszeit von etwa einem halben Jahr hat, dann hat er seinen Zenit überschritten, planmäßig abzusterben und den Platz für den nächsten, den Keim des Scheiterns in sich tragenden, Glücksritter zu räumen.

Nicht so der Waschsalon, ehrlich, den gab es hier irgendwie schon immer, wahrscheinlich ist schon der alte Fritz vor 250 Jahren über die Äcker jenseits des Prenzlauer Tores geritten und bewunderte die seinerzeit durch eine Windmühle angetriebenen Waschtrommeln.

Dieser Waschsalon ist ein magischer Ort und damit meine ich nicht nur die nach dem Verzehr von einem Beutel Magic Mushrooms verpeilt in die sich drehende Waschtrommel starrenden Drogenfreaks, sondern die unbestreitbare Tatsache, dass hier Artikel 3 Grundgesetz seiner Verwirklichung nahe kommt wie sonst nirgendwo.
Hier wäscht der Banker neben dem Polizisten neben dem Punk neben der Studentin neben dem Penner neben dem Bauarbeiter – jeder nach seiner Facon aber alle nach den gleichen Regeln, denn vor dem Waschautomat sind alle gleich mit ihrer verkeimten Dreckwäsche. Nur Nazis habe ich hier noch nicht gesehen, aber die dürften spätestens nach dem diesjährigen 1. Mai auch begriffen haben, dass sie in der Wichertstraße in Prenzlauer Berg nichts verloren haben.

Magisch ist der Ort vor allem auch deswegen, weil nur hier – nirgendwo sonst – kastenübergreifende Gespräche der faszinierenden Art möglich sind, unter Ausschluss lediglich derjenigen Langweiler, die sich wortkarg hinter einer Zeitungsmauer oder in einem Buch vergraben. Wahrscheinlich sind das aber Schriftsteller, die kiebitzartig Inspiration für ihr neues Werk benötigen und hier mit Sicherheit finden.

Wer einmal hier erlebt hat wie ein Maurer eine Studentin geradezu schüchtern liebevoll vorsichtig anbaggert, wie die Sparkassen-Azubine mit dem Punk eine Diskussion über soziale Gerechtigkeit führt oder der Polizist den verlausten Penner um Münzgeld für den Automaten anhaut, weil er natürlich nur einen Schein hat, der spürt längst vergessen geglaubte und vom Zeitgeist der letzten 20 Jahre auf dem Müllhaufen entsorgte Utopien verwirklichbar werden. Hier ist jeder Mensch, hier ist er nett.

Deswegen hat der Waschsalon bisher wahrscheinlich alle Widrigkeiten überlebt und wird unabhängig von der gesellschaftlichen Lage stets gerne genutzt, denn hier strotzt er vor Vitalität, der Gleichheitsgedanke, wenn auch nur vor der Waschtrommel, aber immerhin.

Es ist ein magischer Ort.

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