Café Provinz

Café Provinz, Bistro, Alt-Treptow

Je teurer Kreuzberg wird desto mehr Kultur und Stil wandert nach Alt-Treptow aus, seines Zeichens bisher unangefochtener Dauerweltmeister des schlechten Geschmacks.

Das Cafe Provinz ist ein gemütlich eingerichteter Ort mit Bühne und Kleinkunst. Das Interieur wirkt ein wenig verlebt und zusammengewürfelt, so als habe man den 60er-Jahre-DDR-Hausrat der verstorbenen Erbtante gerade mal eben so vor dem Wohnungsauflöser und der BSR gerettet, aber das macht hier ausnahmsweise nichts, weil es nicht so aufdringlich gewollt wirkt wie an berechnend-hippen Orten ein paar Meter weiter in „Kreuzkölln“. Die fiesen Sessel, in denen man großflächig versinkt, sind nicht gerade bandscheibenfreundlich, Generationen von Ärschen haben hier jede Gemütlichkeit platt gedrückt. Die wenigen Stühle sind nicht weniger verlebt, aber besser zu sitzen.

Das Cafe Provinz bietet nicht nur Kultur, sondern auch einen günstigen Mittagstisch, der vegetarisch konzipiert ist, ohne gleich wieder so deutsch bierernst-fundamentalistisch zu sein. Fleischfressern, die nicht einen Tag ohne ihre Tierkadaver auskommen können, wird hier die Möglichkeit eingeräumt, ihre Suppe mit ein wenig Chorizo oder Wienerchen pimpen zu lassen.

Man backt kleine Brötchen hier, die Auswahl beschränkt sich auf zwei (manchmal drei) Tagesgerichte und ein paar feste Größen in der Speisekarte, die man aber beherrscht. Das ist vernünftig. Wenig und gut ist immer besser als viel und uargh.

Die Gnocci aus der festen Karte, die in vier verschiedenen Variationen daherkommen, sind neben den in der Regel sehr guten Tagesgerichten ein Gewinn: Selbstgemacht und gut, keine DumDum-Geschosse aus der Metro-Großhandelspackung wie sonst überall. Meine Hochachtung.

Die Nudeln fallen dagegen ein wenig ab, da nicht selbstgemacht, was aber die sehr gute Soße wieder ausgleicht.

Aber auch mit den Mittagsgerichten liegt man oft goldrichtig. Ja, man kann kochen hier.

Die Kuchen kommen von der Mehlwurm Bio Vollkornbäckerei und sind immer sehr gut. 3,10 Euro für ein Stück ist dabei durchaus ambitioniert, aber dafür muss man sich wahrscheinlich nicht mit prekären Backzutaten herumschlagen. Allerdings gilt auch hier dass man besser nicht von dem Kuchen nimmt, von dem nicht mehr viel da ist, weil er dann schon länger hier ist, was dann angesichts des ambitionierten Preises ärgert.

Der Service ist in der Regel gut, außer es ist ganz selten mal außerhalb der Regel und er ist etwas lahmarschig oder in absoluten Einzelfällen sogar ärgerlich, wenn man ebenso ungewollt wie hungrig ein Komptenzgerangel zwischen Theke und Küche mitansehen muss: „Kannst du die Teller zum Tisch bringen?“ „Nein, mach das selber.“ „Ich mach hier aber gerade Kaffee.“ „Und ich muss kochen.“ „Ich bin hier aber gerade beschäftigt.“ „Es ist deine Aufgabe, die Teller zu servieren.“ Bevor ich aufstehen und mir meinen Teller selber holen kann, wird er mir dann doch noch mit einem von schwermütigen Seufzern unterlegten „Och Mensch“ an den Tisch gebracht. Das ist nicht schlimm, ich mag es wenn es menschelt – es gibt schon genug sterile Orte. Easy.

Nicht-Vegetarier sollten sich durchaus einmal von der sonst unglaubwürdigen Behauptung überzeugen lassen, dass vegetarisches Essen auch gut schmecken kann. Wie hier.

Und so geht es ganz offensichtlich aufwärts mit Alt-Treptow und ich muss mir vielleicht bald schon einen neuen Ort suchen, den ich in Grund und Boden dissen kann..