Waschhaus Potsdam

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Waschhaus, Club und Konzerte, Potsdam

Das Waschhaus in Potsdam besteht aus ehemaligen Militärgebäuden (Wäscherei der Potsdamer Garnison), welche im Zuge der Nachwehen der deutschen Wiedervereinigung zum Zwecke der kulturellen Nutzung besetzt wurden. Daraus hervorgegangen ist ein, mittlerweile von Stadt Potsdam und Land Brandenburg gefördertes Kulturzentrum mit einem Verein als Trägerschaft, welches neben einem größeren und einem kleineren Konzertsaal eine Galerie und ein Tanzstudio betreibt.

Durchzog das Objekt in den Neunzigern noch der spröde Charme einer Hausbesetzung im ruinenhaften Niemandsland – unsaniert, anarchisch, zugekifft – kommt das Waschhaus heute saniert, renoviert und rauchfrei sowie eingebettet in eine schicke Vorgartenlandschaft zwischen Uni, Forschung und Dienstleistung daher.

Ich weiß nicht wie ich das finden soll. Es ist auf jeden Fall naiv zu glauben, das man Flair konservieren kann, auch wenn bei der Renovierung offenbar mühevoll darauf geachtet wurde, das Objekt nicht luxuszusanieren und in eine pastellfarbene Puppenstube zu verwandeln, sondern man vielmehr auf die volksnahe Optik eines Jugendhauses Wert gelegt hat.

Auch ist dieser Ort mittlerweile sehr diszipliniert, die Tür souverän, das Personal trotz des studentischen Hintergrunds freundlich, die Toiletten weitgehend sauber, genauso wie die Gläser und die Weine, wir haben geputzte Schreiben, saubere Fingernägel und eine LED-Anzeige informiert über die Abfahrt der letzten Straßenbahn in Richtung Zivilisation – gerade unter der Woche sehr wichtig, wenn man noch irgendwie besoffen nach Berlin zurück möchte.

Auch der Kartenvorverkauf zum Ausdrucken im Internet ist zu loben, das klappt sehr gut, wobei es überrascht, dass die Nummer der Internetkarte händisch mit einer Liste abgeglichen wird. Ich habe einen Scanner oder sowas erwartet, das manuelle Abgleichen dürfte bei größerem Internetkartenkontingent (ein großer Vorteil der deutschen Sprache ist übrigens die unlimitierte Möglichkeit des hemmungslosen Bildens von Kettenworten aus verschiedenen eigentlich eigenständigen – herrlich, ein glasklarer Standortvorteil und ein großer Spaß dazu) ganz eng werden und zu großen Wartezeiten führen.

Halten wir also fest: Viel hat sich geändert seit den Hausbesetzertagen, das Waschhaus als Einrichtung ist erwachsen geworden.

Nur zwei Dinge sind geblieben:

  1. Das unglaublich junge Publikum, was schon in den Neunzigern auf das dürftige Angebot an Jugendeinrichtungen in Potsdam sowie auf das studentische Klientel der hiesigen Uni zurückzuführen war. Jeder über 25 reißt den Altersdurchschnitt eklatant nach oben, wird aber gnädig toleriert und teilweise sogar hofiert („Find ick ja endgeil, dass Sie sich in ihrem Alter nochn Punkkonzert reinziehn!“ – „Ja gern geschehen, können Sie einen Moment auf meinen Rollator aufpassen? Ich hab schon wieder nächtlichen Harndrang.“)

  2. Die Tatsache, dass Konzerte mit dicker fetter Verspätung anfangen. Letzteres hatte damals wie heute die Folge, dass man vor dem Konzert verzweifelnd alkoholtrinkend zu langweiliger Ami-Baby-Punk-Mucke im Vorraum rumsteht und darauf wartet, dass etwas passiert. So kommt es dazu, dass Konzerte gerne mal länger dauern können als die Potsdamer Straßenbahn fährt, was ein vorzeitiges Verlassen des Konzerts oder eine Taxifahrt nach sich zieht. Ungeil.

Ja, dennoch, das Waschhaus ist wirklich sehr erwachsen geworden, hat sich nahtlos eingebettet in die Kulturlandschaft Potsdams und ist daraus auch nicht mehr wegzudenken.

Aber so ein bisschen, so ein kleines bisschen altes ranziges Anarchokifferhausbesetzerpunkrockflair fehlt dann aber doch, was vielleicht nicht ausschließlich aber schon wesentlich auf die Bestimmungen zum Nichtraucherschutz zurückzuführen sein dürfte, welche in einem Restaurant eine unbestreitbare Verbesserung der Atmosphäre darstellen, aber beim Punkkonzert mit den in Lumpen und Springerstiefeln gekleideten Kiddies aus den Potsdamer Stadtvillen mit ihrer Bierpulle am Hals unpassend und merkwürdig surreal anmuten.

Anyway, die Welt ist im Wandel und das Waschhaus hat sich eben mitgedreht. Zwangsweise. Take it or leave it.