Görlitzer Park

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Görlitzer Park, „Parkanlage“, Kreuzberg

Kreuzberg war ja immer schon ein kreativer Ort und so hat man die bezirkseigene Mülldeponie kurzerhand Park genannt. Görlitzer Park, um genau zu sein.

Ich war kurz versucht, den ganzen Dreck hier zu fotografieren, fing aber in letzter Sekunde den drohenden Blick eines Junkdealers auf, der mich warnte. Nonverbal warnte. Omerta. Tu das nicht.

Aber er kann auch sprechen. Eh woll Haschisch? Nein, danke, sehr freundlich, heute nicht, andermal vielleicht. Drogenspalier, rechts und links, auf den Parkbänken mitten am Tag, offen, sichtbar, die Pusher Street von Berlin und dazwischen fährt eine Mutter mit ihrem Kinderwagen durch den Müll. Ein Motiv, das man eigentlich fotografieren müsste, wie so vieles hier. Doch mein Handy bleibt in der Hosentasche.

Der sinnlose Steinhaufen, der eigentlich ein Terassenbrunnen werden sollte oder irgendwas anderes, man weiß heute nicht mehr so ganz genau was sich Stadtplaner in den Bürokratiemuffbuden dieser Stadt bei so was denken, wurde ja abgerissen, nachdem man hier über die Jahre viele sinnlose Steuermillionen versenkt hat, und so dient die Erinnerung daran nur noch als weiteres Paradebeispiel für die sprichwörtliche berliner Inkompetenz in Sachen Stadtentwicklung. Man hätte ihn stehenlassen sollen. Als Mahnmal.

Lecker. Ich rieche Pisse auf den Seitenwegen, die durch das Unterholz führen und ideale Bedingungen für etwas bieten, dessen Überbleibsel vor mir auf dem Weg liegt – eine Spritze. Von den vielen Kothaufen auf den Wegen und daneben hoffe ich, dass sie von den Hunden stammen, würde aber kein Monatsgehalt darauf verwetten. Diese allgegenwärtige Verwahrlosung hat schon wieder fast etwas Künstlerisches und wirkt so surreal wie aus einem Untergrund-Berlinfilm der frühen 80er. Lebt Christiane F. eigentlich noch? Wenn ja, dann bestimmt hier.

Toleranz frisst ihre Kinder, denke ich, als ich einen Minderjährigen Geld gegen Ware tauschen sehe. Ich weiß nicht, ob die Polizei sich inzwischen wieder hier rein traut, es sieht mir nicht so aus. Ein Vorteil hat das: Man weiß wo sie sind. Ist das eine Drohne da am Himmel?

Vielleicht muss es aber solche Ecken in einer Großstadt geben, sonst verzieht sich das Business in den Untergrund, wo man es nicht mehr derart konzentriert unter Kontrolle hat oder man zumindest weiß wo es sich befindet, wenn man es mal sucht, vielleicht muss das so sein, dass es eben Plätze in der Stadt gibt, wo man sich besser nicht zwischen die Spritzen und den Hundekot in die Sonne legt und die man mit Kindern einfach nicht aufsucht, das knallharte Stadtleben auf den mistigen Schulhöfen dieser Stadt, das sie als Jugendliche erwartet, erleben sie noch früh genug. Und der erste Kontakt mit der knallharten Realität muss nun wirklich nicht ausgerechnet hier sein.

Nehmen wir also zur Kenntnis, dass es den Ort gibt und er vielleicht sogar seine Berechtigung hat, mitsamt seinem obskuren Publikum, seinem obskuren Handelsgewerbe und dem Müll. Ich für meinen Teil gehe dann mit dem Kind doch lieber ein paar Meter weiter in den Treptower Park und überlasse die kreuzberger Mülldeponie denen, die sich hier wohlfühlen.